Weltkarte
OTTOS REISE
 
  Die Idee  

 

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2011 auf dem Dach der Welt: Gunther Holtorf mit Otto vor dem Mount Everest

Wenn Gunther Holtorf auf eine Landkarte blickt, dann laufen sofort Filme in seinem Kopf ab: von vergangenen Besuchen, von Begegnungen, von Abenteuern. Egal welches Land – er war garantiert schon mal da. Jedenfalls dort, wo man mit einem Auto mit Allradantrieb hinkommt: 215 Länder, autonome Gebiete und Regionen hat er in den letzten 26 Jahren bereist. Immer war er dabei mit seinem Mercedes-Geländewagen unterwegs.

„Otto“, so hatte Gunther Holtorf sein Auto irgendwann genannt, hat inzwischen fast 900.000 Kilometer auf dem Tacho. Er überquerte 411 Grenzen außerhalb der EU, wurde 41 Mal in Containern verschifft und stand auf 113 Hochseefähren. Auf unzähligen, meist wackeligen Flussschiffen, Pontons oder gar Fischerbooten setzte er mit Otto über Flüsse, Seen und Meerengen, um weiter zu kommen als jedes andere Fahrzeug vor ihm.

Ehe "on the Road" – 22 Jahre gemeinsam unterwegs

Begleitet wurde Gunther Holtorf bei seinen Touren die meiste Zeit von seiner vierten Frau, Christine. Sie haben sich 1989 kennengelernt und sind schon nach wenigen Monaten gemeinsam nach Afrika aufgebrochen. 22 Jahre waren sie zusammen unterwegs, bis Christine Holtorf im Sommer 2010 an Krebs verstarb. Gunther Holtorf hatte ihr kurz vorher versprochen, die gemeinsame Reise in ihrem Namen zu Ende zu bringen. Begleitet wurde er dabei häufig von Martin, ihrem Sohn, den er adoptiert hatte. Eine längere Zeit fuhr 2013 auch Elke Dreweck mit, eine gemeinsame Freundin der Holtorfs.

2002 Baja California Berge Christine Holtorf Gunther Holtorf Kaktus MEX Otto Wuste

Fünf Jahre waren Gunther und Christine Holtorf mit Otto kreuz und quer in Afrika unterwegs. Dann setzten sie spontan nach Südamerika über, das er von früheren beruflichen Aufenthalten gut kannte und nun seiner Frau zeigen wollte. Es folgten Nordamerika, Asien, Australien und auch die Länder Europas. Doch die waren eher Nebensache, denn es ging Gunther Holtorf immer darum, die Welt zu bereisen, nicht Europa, dorthin zu fahren, wo die anderen nicht hin wollen“.

  Eine Weltkarte als Türöffner ...

Wann die Idee entstand den Versuch zu machen, alle Länder der Erde anzusteuern, weiß Gunther Holtorf gar nicht mehr genau. Aber spätestens mit seinen großen Weltkarten, die, wie er sagt, wichtiger als mein Reisepass sind“, war klar: Es geht auch um einen Rekord, der  im Guinnessbuch stehen soll. Auf den Weltkarten sieht man die bereits gefahrenen und noch geplanten Reiserouten sowie eine Liste aller bereisten Länder. Sie hat bisher noch jeden grimmigen Zöllner oder bösen Polizeichef weichgekocht. Gunther Holtorf macht sie damit einfach zum Teil seines Projekts, zu Helfern bei der Rekordjagd.

Doch der wesentliche Erfolgsfaktor der Reise ist Gunther Holtorf selbst. Ausgestattet mit einer Engelsgeduld, einer fast kindlichen Neugier, robustem Charme und genug technischem Verständnis, um auch mal auf fast 5000 Metern Höhe in den Anden die Achslager zu wechseln, ist er der Prototyp des Weltenbummlers. Einer, der nur das Positive sieht und die negativen Erfahrungen schnell ausblendet. Der nicht alles so ernst nimmt, aber spürt, wenn es ernst wird.

... ein Stadtplan als "Finanzier"

Und einer, der erzählen kann: faszinierend, bescheiden, intelligent. Als ehemaliger Geschäftsführer der Hapag-Lloyd Flug besaß er ein finanzielles Polster, um seine Reise zu starten. Bestritten hat er sie aber durch ein ganz anderes, kaum weniger spannendes Projekt: In seiner Zeit als Lufthansa-Vertreter in Indonesien begann er einen rudimentären Stadtplan von der wuchernden Millionenmetropole Djakarta anzufertigen. Es gab zuvor noch keinen, weder im Handel noch bei der Stadtverwaltung. Also fuhr er herum, sammelte Baupläne,  glich Luftbilder ab und zeichnete.

Aus einem ersten, bescheidenen  Faltplan von 1977 wurde bis 2005 ein 400-seitiger Stadtatlas der 30-Millionen-Metropole. Er genügt höchsten kartografischen Ansprüchen und erschien zum Teil in Auflagen von 150.000 Exemplaren. Bei regelmäßigen Besuchen in Indonesien wurde er von den Holtorfs über die Jahre akribisch gepflegt und ergänzt. Erst die Verbreitung des Internets und Raubkopien stoppten den kommerziellen Erfolg. Doch heute noch nutzt die Stadtverwaltung von Djakarta Holtorfs Plan.

Otto bekommt nun einen Ehrenplatz

Die atemraubende Reise von Gunther Holtorf  ist endgültig beendet, wenn Daimler-Chef Dieter Zetsche am 11. Oktober 2014 die Schlüssel für Otto entgegennimmt. Es sind übrigens nicht die Originale, die sind zu abgenutzt. Der Zündschlüssel stammt aus einem Vorort von Djidda in Saudi-Arabien. Der Türschlüssel wurde in einem kleinen Ort in Nordvietnam gefertigt, direkt an der Grenze zu China. Otto soll künftig einen Ehrenplatz im Daimler-Museum in Stuttgart bekommen – als das Fahrzeug, das durch die meisten Länder der Erde gefahren ist.

 

 
  Das Auto  
 

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Der Weltrekordwagen „Otto" ist ein Mercedes 300 GD mit langem Radstand und einem 3-Liter-Fünfzylinder-Dieselmotor mit 88 PS Leistung. Er wurde bei Magna-Steyr im österreichischen Graz gefertigt, wo die G-Klasse seit 35 Jahren nahezu unverändert gebaut wird. Otto hat einen zuschaltbaren Allradantrieb und ist weitgehend serienmäßig ausgestattet. Den Innenausbau des Wagens hat Gunther Holtorf in Eigenregie erledigt: Die Rücksitze kamen raus und stattdessen wurde eine Holzplatte auf halber Höhe in Laderaum und Fond befestigt. Darauf liegen zwei maßgeschneiderte Matratzen. Unter der Platte ist Stauraum für Kleidung, Lebensmittel, Werkzeuge, Ersatzteile und Küchenutensilien.

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 Gekocht wird auf einem Gaskocher, der aus zwei Gasflaschen im Heck gespeist wird. Der Kocher steht bei geöffneter Hecktür auf einem zwischen Stoßstange und Karosserie eingeklemmten Brett. Geschützt wird die Flamme von einem selbstgebauten Windfang. Komfort gibt es keinen an Bord. Die Zentralverriegelung ist abgeklemmt, damit nicht immer alle Türen gleichzeitig aufgehen, wenn jemand aussteigt – aus Sicherheitsgründen. Die Klimaanlage baute Holtorf nach zwei Jahren aus und verschenkte sie an einen kenianischen Mechaniker. Seither ist eigentlich immer ein Fenster auf. „Was nicht drin ist, kann auch nicht kaputt gehen“, sagt Holtorf.

Überschläge und Übergewicht? Für Otto kein Problem

Auf dem massiven Dachgepäckträger, der sogar einen Überschlag in Madagaskar fast unbeschadet überstanden hat, liegen zwei Ersatzreifen, je nach Region zwei bis drei größere Metallkisten für Gepäck und Kanister für Öl, Diesel und Additive. Abhängig von der Route waren zeitweilig noch zwei 60-Liter-Unterflurtanks und ein 60-Liter-Dieselsack, der auf der Motorhaube festgeschnallt wurde, im Einsatz. Die Haube ist eine der wenigen Spezialteile an Otto: eine Sonderanfertigung aus dem Werk in Graz,  die für die kanadische Armee gebaut worden war. Sie ist begehbar: Über ihre rutschfesten Tritte klettert der inzwischen 77-jährige Gunther Holtorf noch immer behend aufs Dach seines Ottos, um Dinge zu verstauen.

Von Beginn an reiste auch ein fest installiertes GPS-Gerät mit, das allerdings nur die Position und Fahrtrichtung anzeigt, aber keine Kartenfunktion hat. Die kommen für alle Weltregionen in Papierform miti. Es gibt auch keine fest installierte Seilwinde. Lediglich eine mobile Handwinde und ein langes Stahlseil sind an Bord. Dazu Sandbleche und eine Schaufel. Otto ist mit all diesen Gegenständen im Schnitt auf der Tour ständig um rund 500 Kilo überladen gewesen – auch wegen der rund 400 Ersatzteile an Bord.

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Kaputt ist auf der Reise übrigens nicht viel gegangen, denn Gunther Holtorf war es aus der Fliegerei gewohnt, Verschleißteile zu wechseln, bevor sie den Geist aufgeben. Das war zwar teurer, ersparte ihm aber wohl jede Menge Ärger: „Richtig liegengeblieben sind wir nie“, sagt er. Größere Probleme machte lediglich die Vorderachse, deren Lager acht Mal ausgetauscht werden mussten. Sie hielten die rund 250.000 Kilometer Offroad nicht aus.

Immer wenn Otto in Deutschland war, wurde er außerdem mit lange haltbaren Lebensmitteln vollgeladen. Bis zu 30 Kilo Müsli, dutzende Packungen Pulver für Kartoffelpuffer, -püree und -klöße, gekörnte Brühe und Leberwurst in Dosen kamen an Bord. Über die Jahre hat sich außerdem ein buntes Sammelsurium internationaler Produkte angesammelt. Zuletzt fuhren Reis aus Burma, Salz und Senf aus Südafrika, Streichhölzer aus Kamerun, Milch aus Madagaskar, Butter aus Irland und Curry aus Thailand mit durch Weißrussland, das letzte Land auf der Reise.

 

 
  Das Online-Projekt  

 

Als stern-Reporter Jan Boris Wintzenburg das erste Mal mit Gunther Holtorf telefoniert hatte, wusste er, dass ihn „Ottos Reise“ länger beschäftigen würde. Es war im Herbst des Jahres 2011, Holtorf war auf dem Sprung in den Südpazifik und erzählte von Nordkorea, China, Hongkong so lebendig, dass schnell klar war: Dies ist eine besondere Geschichte.

Sie blieben per E-Mail in Kontakt, Holtorf schickte erste Fotos und weitere Erlebnisse. Der nächste Anruf kam aus Japan im Sommer 2012: „Ich will gerade rüber nach Wladiwostok“, erzählte er. „Und auf dem Heimweg kann ich dann auch in Hamburg vorbeikommen.“ Heimweg? Hamburg? „Ja klar, ich will noch hoch nach Sachalin, und dann geht es durch Russland nach Hause. In vier Wochen bin ich da!“

Als tatsächlich rund vier Wochen später ein blauer Mercedes-Geländewagen im Hof des Verlagshauses Gruner+Jahr in Hamburg parkte, bepackt mit eindrucksvollen Kisten auf dem Dach und verklebt mit dem Dreck Sibiriens, war längst beschlossen: Ottos Reise ist eine Geschichte, die man größer erzählen muss. Die Gunther Holtorf am besten selber erzählt. Und zu der man sich viele Bilder ansehen will. Ein Thema, wie geschaffen für eine digitale Umsetzung.

Das Rohmaterial: 30 Stunden Videos, 8000 Fotos

Es war aber auch klar, dass eine zu frühe Veröffentlichung das Ziel, alle Länder der Erde zu besuchen, gefährden könnte. Die Welt hat sich verändert und Informationen gelangen über digitale Medien in Sekundenbruchteilen in den hintersten Winkel der Welt. Gunther Holtorf und Otto hätten Ziel krimineller Angriffe werden können. Oder gar zum Politikum, zum Faustpfand von Machthabern, deren Länder noch zu bereisen waren, wie Myanmar, einige afrikanischen Staaten oder auch dem letzten Land, Weißrussland. Erst danach, so der Entschluss, würde „Ottos Reise“ online gehen.

Seit dem Frühjahr 2014, als Otto auf die Zielgerade bog, liefen die Arbeiten an der interaktiven Umsetzung der 26 Jahre währenden Tour durch die Welt. Über 8000 Fotos wurden ausgewählt und in höchster Qualität von Farbnegativen bei Gunther Holtorf zu Hause eingescannt. Rund 30 Stunden Interviews zu allen besuchten Ländern und vielen Details der Reise wurden im Studio des stern in Hamburg aufgenommen. Mehrfach waren Kamerateams des stern bei Otto, etwa als er in Bremerhaven aus einem Container aus Mauritius entladen wurde. Daraus entstanden – teilweise in Kombination mit den Bildern – eindrucksvolle Momentaufnahmen der besuchten Länder und eine einzigartige  Dokumentation einer abenteuerlichen Reise.

Auf der letzten Etappe seiner Tour begleitete Jan Boris Wintzenburg Gunther Holtorf und Otto nach Weißrussland – inklusive 30 Stunden Warterei an der Botschaft in Berlin für ein Visum. Es waren sechs unvergessliche Tage. Am 9. Oktober 2014 erschien dann die Geschichte dieser letzten Etappe im gedruckten stern und Ottos Reise ging im Internet live.